Lesedauer: 4 Minuten

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Offenlegung: für meinen Beitrag habe ich ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten

„Stell dir vor, du sitzt im Zug und musst mit jedem zweiten Mann schlafen“. Diesen Vergleich nutzt Hausdame Elli von Hydra. Das ist eine Berliner Beratungsstelle für Prostituierte.

Die mütterliche Frau mit eigenem Charme möchte Ilan Stephani erklären, was sie im Puff erwartet. Ob sie sich das tatsächlich vorstellen kann.

Mir läuft beim Lesen ein Schauer über den Rücken. Ich finde die Vorstellung befremdlich. Sehr dünne Männer mit feinen blonden Haaren empfinde ich als unerotisch. Dann stelle ich mir vor, dass ich als 1,80 Meter große Frau mit einem hageren Kerl schlafen muss, der mir bis zu den Schultern reicht.

Ist nix für mich. Gespannt stöbere ich weiter. An was für ein Buch bin ich da geraten? Wieso möchte ich es lesen?

Ich befinde mich im Flugzeug Richtung Fuerteventura und stöbere im Buch „Lieb und teuer: Was ich im Puff über das Leben gelernt habe“.

Ilan Stephani - Lieb und Teuer
Fotograf: Pierre Wilde

Ilan Stephani hat zwei Jahre in einem Berliner Bordell als Prostituierte gearbeitet. Ich möchte wissen, was für Typen Männer in den Puff gehen. Außerdem bin ich neugierig, wie eine gebildete Frau aus gutem Hause auf die Idee kommt, als Nutte zu arbeiten. Und ich will wissen, wie andere Huren privat drauf sind. Wieso sind sie in dem Milieu tätig?

Die Autorin schreibt, dass man den Männern nicht ansieht, dass sie Freier sind. Einige wollten lediglich mit ihr reden. Andere waren verunsichert und unglücklich. Sie wussten teilweise nicht, wonach sie suchten. Rasch verabschiede ich mich von dem Bild, dass Freier über eine Prostutierte herfallen.

Im Gegenteil. Sie kamen häufig mit immensen seelischen Bedürfnissen zu ihr. Zitat von Ilan: „Ich habe mich mehr um die Psyche gekümmert als um den Penis.“

Sie hatte mit etwa 30 Prozent der Freier keinen Sex. Einige entschuldigten sich dafür, wenn sie auch mit ihren Kolleginnen Geschlechtsverkehr hatten. Und fühlten sich so, als wenn sie Ilan, die sich im Puff „Paula“ nannte, betrügen.

Biographie Empfehlung
Fotograf: Pierre Wilde

Kaufen sich Freier Macht? Meist ist es Anerkennung. Selten sind sie so stark, wie sie nach außen hin tun. Fragte die Autorin Männer, wie es ihnen geht, dann hat sie meist die gleiche Antwort erhalten: „Ich bin schrecklich aufgeregt.“ Nicht: „Ich bin cool, sei froh, dass du mich hast.“

Beim Lesen frage ich mich, wie Ilans Eltern reagiert haben. Unheimlich cool. Freundlich haben sie ihr erklärt, dass Ilan nicht wegen Geld in den Puff gehen soll. Sie boten ihre finanzielle Unterstützung an. Aber falls es ihr freier Wille war, so wollten sie hinter ihrer Tochter stehen. Auch wenn sie andere Berufe bevorzugen. Respekt! 

was ich im Puff über das Leben lernte
Fotografin: Elischeba Wilde

Aber wieso arbeitet eine intelligente Frau im Puff? Die Philosophie Studentin beschreibt gleich zu Anfang ihres Buches eine Neugier auf die „Unterwelt.“ Immerhin war sie ihr Leben lang das Vorzeigemädchen aus gutem Hause.

Zwischen den Zeilen lese ich Verständnis für die Männerwelt. Ilan nimmt Freier in Schutz. Ihr sexuelles Vergnügen war den meisten Männern wichtiger als ihr eigenes.

Eine Nutte habe ich mir so vorgestellt: High Heels, sexy Kleidung und starke Schminke. Silikonbrüste und ein oberflächliches Wesen.

Paulas Kollegen waren Frauentypen, wie wir sie vom Kindergarten, dem Sportverein oder aus der Nachbarschaft kennen.

Die Mädels haben sich über Waldorfschulen und Biomärkte unterhalten. Eine hat während ihrer Pausen für die Juraarbeit gelernt.

Ilan Stephanie Autorin Kontakt
Fotografin: Elischeba Wilde

Eine Prostituierte vom Berliner Bordell hat die Männer in Turnschuhen empfangen. Manche Freier ziehen das normale Mädel von nebenan der Diva vor. Ich zeige meinem Mann ein Foto von Ilan. Auf dem Cover ihres Buches ist sie nahezu ungeschminkt. Sogar etwas blass. Pierre sagt mir, dass er solch eine natürliche und zarte Schönheit jeder Aufgedonnerten vorzieht.

Mein Fazit: Der Blick hinter die Kulissen ist spannend. Vor allem die psychologischen Aspekte. Teilweise beschreibt Ilan die Welt der Prostitution – meiner Meinung nach – zu rosig. Das Buch zeigt die Welt der Huren, die freiwillig in dem Business arbeiten. Dass Zwangsarbeit und Menschenhandel grauenvoll sind, versteht sich von selbst. Ilan hat in einem „angenehmen“ Klima gearbeitet und Erfahrungen fürs Leben gesammelt. Diese findest du in ihrem Werk.

Liebe Grüße von Elischeba

Hinweis: für meine Recherche habe ich vom ECOWIN Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten.
 
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